Die September-Tour mit unserer kleinen Truppe vom Chemnitzer DAV war lange geplant. Und obwohl Absagen, Nachwuchs und Krankheit zu personellen Umbesetzungen geführt haben, sind wir nun doch zu siebent. Mit von der Partie sind Kerstin, Thomas, Konstanze, Jörg und Joachim. Annegret und Steffen stoßen einen Tag später auf dem Rifugio Graffer zu uns.
Wir fahren Samstag früh um 4.00 Uhr in Chemnitz los. Die Stimmung ist zunächst etwas gedrückt, denn es regnet in Strömen und einen zuverlässigen Wetterbericht für die Brenta haben wir nicht auftreiben können. Aber schlechteres Wetter geht eigentlich gar nicht. Wir kommen zügig südwärts. Auf der Brenner-Autobahn dann Schneeflocken von vorn. In den Zillertalern ist oberhalb von 2000m alles weiß verschneit. Aber ab Bozen klart das Wetter auf, und es wird deutlich wärmer. Langsam kann sich begründeter Optimismus breitmachen, daß unsere Wahl, dieses Jahr die Klettersteige der Brenta für uns zu entdecken, vielleicht nicht die schlechteste war.
Gegen 15.30 Uhr kommen wir an der Kabinenbahn in Madonna di Campiglio am Fuße der Brenta an. Jörg und Joachim warten schon auf uns. Wir beeilen uns mit dem Ausladen und fahren wenig später zum Passo Groste. Oben empfängt uns traumhaftes Wetter. Der Wind ist zwar kalt, aber es ist sonnig, wolkenlos, und es herrscht eine Fernsicht von ca. 150km bis zur Ortlergruppe, zum Hauptkamm der Alpen und zu den Dolomiten-Gebirgsstöcken des Rosengartens, des Schlerns, der Sella und der Marmolada. Ein kurzer Abstieg und wir sind auf dem Rifugio Graffer, das zwischen der Berg- und der Mittelstation der Kabinenbahn liegt. Unsere telefonische Voranmeldung hat man zwar verbummelt, aber wir bekommen trotzdem noch 5 Lager oben unterm Dach. Das hätte auch schief gehen können, da ja Wochenende ist und wir uns in unmittelbarer Nähe zu einer Seilbahn befinden - also nochmal Glück gehabt.
Sonntag morgen. Wir brechen mit leichtem Tagesgepäck zu unserer Eingehtour auf. Wir steigen auf zum Passo Groste und folgen von hier dem Sentiero delle Palete (306), der über weite Strecken ein normaler Höhenweg ist. Unterwegs sehen wir 2 mal größere Herden Gemsen auf den Geröllfeldern über uns. Nach der Kreuzung mit dem 334 überquert der Weg eine Felsenkette auf einem ersten Klettersteig, der unschwierig ist. Zuerst nervt uns noch das allgegenwärtige kleine Geröll, das zunächst das Gefühl des unsicheren Stands vermittelt, aber nach kurzer Zeit haben wir uns daran gewöhnt. Nach einer Rast zweigen wir ab ins Val Gelada di Tuenno (380). Der Weg ist offenbar selten begangen. Die Markierungen sind seltener und die Steigspuren manchmal schwer zu erkennen. An einem steileren Felsenriegel tauchen wieder Seile auf. Da es nur ca. 50m sind und von unten leicht aussieht, verzichten wir auf das Klettergerödel. Bei 2-3 kräftigeren Zügen im oberen Drittel beschleicht mich aber das Gefühl, daß es vielleicht doch besser gewesen wäre, sich in die Seile einzuhängen. Wir erreichen den Passo di Val Gelada (erneute Klettersteigpassage) und wegen der fortgeschrittenen Zeit verzichten wir auf die Besteigung des nahen Sasso Alto und Cima Sassara. Über den Sentiero Costanzi 336 machen wir uns auf den Rückweg zum Rifugio Graffer, wo wir gegen abend wieder eintreffen und wo Annegret und Steffen schon auf uns warten.
Für Montag ist der erste Abschnitt des Bocchette-Wegs geplant. Das Wetter macht früh einen
guten Eindruck. Die Fernsicht ist nicht mehr ganz so gut, und es hat über nacht ein wenig weiß
glitzernd ausgeflockt. Es ist aber nicht viel und behindert uns in unseren Plänen kaum. Wir
folgen zunächst vom Passo Groste dem Benini-Weg 305 bis zu dem Wegweiser, der auf den
nicht versicherten Steig (sentiero non attrezzato) auf den Cima Groste hinweist (der AV-
Führer sagt etwas von UIAA I-II). Vor uns ist heute noch niemand da hinauf, aber wir wollen
es versuchen. Mit der entsprechenden Vorsicht geht es über die stellenweise leicht
überfrorenen Felsstufen aufwärts. Nach ungefähr der Hälfte des Aufstiegs stehen wir plötzlich
vor einem ca. 15m hohen Felskamin, der aber recht gut gestuft ist und reichlich Griffe und
Tritte bietet. Lediglich im Ausstieg oben muß man sich talwärts rumdrehen, um auf die nächste
Felsenstufe nach links rausklettern zu können. Kurze Zeit später stehen wir am Gipfelkreuz
und bewundern das Panorama. Der Abstieg hat es dann noch einmal in sich, da in einer
bröseligen Rinne mit Tiefblick ca. 70m abzuklettern sind. An einer exponierten Stelle baut
Steffen aus 2 Friends und Bandschlingen ein Seilgeländer.
Wir erreichen eine Scharte, in der es über Geröllfelder hinab auf den ursprünglichen Benini- Weg geht, der hier Brenta-typisch auf einem breiten Felsband verläuft. Als wir den Bocchette- Weg wieder erreicht haben, hat sich das Wetter verschlechtert. Brenta-Nebel hängt zwischen den Felsen und schränkt die Sicht ein. Nur von Zeit zu Zeit kann man einen Talblick erhaschen. Den weiteren Weg an diesem Tag empfinden wir als unschwierig, da er gut gesichert über Bänder und Felsrinnen unterhalb der Felsentürme verläuft. Am Abzweig des Sentiero Dallagiacoma 315 unterhalb des Cima Sella folgen wir diesem zur Tuckett-Hütte. Die Hütte ist ziemlich voll. Wir erhalten unsere Lager im Haus nebenan (Lager 25 oben unterm Dach - steht die Zahl für die Anzahl der quietschenden Doppelstockbetten ?).
Wir stehen dienstags früh auf, denn heute liegt der angeblich schwierigste Abschnitt des
Bocchette-Wegs vor uns, der Sentiero delle Bocchette Alte zur Alimonta-Hütte. Nachts hat es
erneut leicht geschneit. Es ist saukalt, sonnig und klar, auch wenn erste Wolken-/Nebelfetzen
von Osten her schon andeuten, daß ab Mittag wieder der Nebel die Oberhand bekommen wird.
Nach den 400m Aufstieg in die Bocca del Tuckett erwartet uns ein spärlich gesicherter
Aufstieg über gestufte Felsenterassen. Bei sonnigem, trockenem Wetter sicherlich kein
Problem, erfordert der Weg an diesem Tag ziemliche Aufmerksamkeit. Schnee und überfrorene
Felsen lassen den Wunsch nach zusätzlichen Sicherungsseilen aufkommen. Für den nördlich
ausgerichteten Anstieg bis zum Erreichen des Garbari-Bandes unterhalb des Cima Brenta
benötigen wir unter diesen Bedingungen fast 2 Stunden. Oben angekommen machen wir erst
einmal Rast. Das Garbari-Band ist durch seine Lage in den Ostabhängen des Cima Brenta dann
wesentlich schnee- und eisfreier, sehr gut versichert und läßt sich gut begehen. Die Rinne, in
der der Aufstieg auf den Gipfel des Cima Brenta verläuft, nehmen wir zwar war. Wir haben
aber bei dem vereisten Aufstieg schon zuviel Zeit verloren, so daß wir den Gipfelaufstieg
weglassen. Kurze Zeit später erreicht der Bochette-Weg oberhalb der Vedretta dei Brentei
seinen höchsten Punkt von 3002m. Über einen ausgesetzten Felsenriegel (was fürs Gemüt)
geht es zu einer sehr langen ansteigenden Leiter und auf weiteren Bändern um die Spallone dei
Massodi. Da wir vorher schon die Hütte durch den Nebel gesehen zu haben glauben (wie sich
später herausstellt, war es die Brentei-Hütte), sind wir über eine erneute Schlucht mit Leitern
abwärts, einem Quergang und weiteren Leitern wieder aufwärts zunächst etwas überrascht. Es
ist aber die Schlucht, in der der Sentiero Detassis abzweigt. Nach Umrundung des Cima
Molveno stehen wir in der Scharte oberhalb der Alimonta-Hütte auf dem Gletscherrest und
sind innerhalb kurzer Zeit an der Hütte. Insgesamt haben wir für diesen Abschnitt des
Bocchette-Wegs 10:30h gebraucht. Tja, und sei es nun den Anstrengungen des Tages oder der
sehr diffusen Beleuchtung im Treppenflur der Alimonta-Hütte geschuldet - jedenfalls haue ich
mir zum Abschluß des Tages noch den 2. Zeh am rechten Fuß am Treppengeländer der Hütte
blitzeblau. Zum Glück beeinträchtigt mich diese "schwere Verletzung" in den nächsten Tagen
nicht. Und noch eine Überraschung hält die Alimonta-Hütte bereit : das Wasser ist eingefroren.
So können wir uns nach dieser langen Tour nicht einmal waschen und traben dreckig zum
Abendbrotessen.
Die vorangegangenen Tage waren anstrengend und so
beschließen wir, am Mittwoch nicht wie
ursprünglich vorgesehen den Bocchette Centrale zu gehen, sondern legen einen "Ruhetag" ein
und wechseln über den bequemen Talweg 323, über das Rifugio Brentei und durch die Boccha
di Brenta zum Rifugio Pedrotti/Tosa über. Ziel ist für Donnerstag dann die Besteigung des
Cima Tosa - des höchsten Berges der Brenta mit 3173m - über den Normalweg, der mit UIAA
I-II angegeben ist und im Einstieg eine 50m lange Kletterstelle aufweist. Da wir im Abstieg
abseilen wollen, nutzen wir den Nachmittag und die Boulder vor der Pedrotti-Hütte, um
unseren "Kletterneulingen" die Prussiksicherung und das Abseilen noch einmal zu zeigen.
Wir brechen Donnerstag früh zum Cima Tosa auf und erreichen nach 1 1/2 Stunden den Einstieg
zum Fuße der im AV-Führer erwähnten 2 Kamine. Es schafft sich gerade ein schweizer
Bergführer mit einer größeren Gruppe, so daß wir den Verlauf des Anstieges ersteinmal
vorgeführt bekommen. Es sieht griffig und nicht schwierig aus. Steffen beginnt dann damit, mit
unseren Halbseilen eine Fixseilversicherung in den linken der beiden Kamine hineinzubauen.
Bis auf Kerstin folgen wir alle nach und finden oberhalb der beiden Kamine einfacheres und
weniger steiles Gelände vor, das weitere 100m weiter oben in "Gehgelände" über gestuften
und mit Geröll bedeckten Fels übergeht. Auf dem weitgehend mit Schnee bedeckten
Gipfelplateau angelangt gehen wir zunächst zum nördlichen Ende, da die Sicht sich durch
aufkommende Bewölkung verschlechtert. Es gelingt uns jedoch nicht mehr, von hier oben die
Guglia di Brenta zu sehen. Lediglich der Cima Brenta und einige seiner Nebengipfel schauen
von Zeit zu Zeit durch die vorbeitreibenden Wolken. Trotzdem ist die Aussicht imposant, da
wir uns oberhalb der Wolken befinden. Wir gehen dann zurück und besteigen nun den
eigentlichen Gipfel des Cima Tosa, der sich auf einer Schneewächte am südlichen Ende des
Gipfelplateaus befindet und dieses ein wenig überragt.
Der Abstieg ist zunächst unschwierig bis wir erneut zu der Stelle oberhalb der beiden Kamine kommen. Eine Bandschlinge über einem Felsköpfl ermöglicht uns zunächst das Abseilen über die ersten 15m, bis wir an einen Felsvorsprung kommen, wo 2 Haken geschlagen sind, von denen einer wackelt. Umfangreiche "Ausgleichsverankerungen" unserer Vorgänger mit 4-5 Band- und Prussikschlingen werden nun zum weiteren Abseilen verwendet. Kurze Zeit später stehen alle wieder am Einstieg. Die heiße Dusche in der Pedrotti-Hütte tut uns am Abend gut - der Cima Tosa war ein schöner Gipfel.
Freitag morgen - das Wetter verspricht heute gut zu werden. Wir wollen uns unseren Autos wieder ein wenig annähern und zur Tuckett-Hütte laufen. Lediglich über das Wie gibt es geteilte Meinungen. Wir kommen überein, daß wir uns in 2 Gruppen teilen : die Einen gehen über den etwas einfacheren Sentiero Orsi 303 und die andere Gruppe holt den 3. Abschnitt des Bocchette-Wegs 305, den Sentiero Bocchette Centrale, nach und will eventuell noch den Sentiero SOSAT 305 basso dranhängen.
Gesagt getan. Der Sentiero Bocchette Centrale steigt gleich hinter der Boccha di Brenta auf
ein bequemes horizontales Band, auch wenn die Höhe des Weges hier öfters den
kleingewachsenen Alpinisten entgegenkommt. Dann kommt man um die Ecke und befindet
sich plötzlich in einer eisigen, dunklen Schlucht unterhalb der Guglia di Brenta. Hier sind die
Felsen an einer Stelle durch aus dem Fels ausgetretenes Wasser stark vereist, und wir sind
ziemlich am balancieren, da an dieser Stelle auch keine Seilversicherungen anzutreffen sind.
Doch nachdem wir die Schlucht hinter uns gelassen haben, wechselt der Klettersteig in die
Süd- und Ostabhänge der Gebirgskette und ist von hier bis zur Bocchetta di Molveno
weitgehend eis- und schneefrei. Kurze Kletteranstiege wechseln sich mit langen horizontalen
Bändern ab. Ständig verändert sich die Szenerie und man gewinnt ständig neue Ausblicke auf
die umliegenden Felsen - allen voran die Guglia di Brenta von ihrer schönsten Seite. Am Ende
des Sentiero Bocchette Centrale erreicht man dann ein Leitersystem, das über 74 Stufen auf
den Gletscher der Vedretta di Sfulmini hinabführt. Über dessen Randmoräne gelangt man zur
Alimonta-Hütte.
Da wir ziemlich schnell waren (4:00 h), genehmigen wir uns auf der Hütte zunächst einen
Cappuccino und ein Stück Torte. Um nicht unnötig ab- und dann wieder aufsteigen zu müssen,
beschließen wir, anstelle des unteren Weges zur Tuckett-Hütte den Sentiero SOSAT zu gehen.
Dieser erweist sich zunächst auch als unschwierig, ist über weite Strecken sogar eher
wanderwegartig und verläuft auf breiten Bändern ohne Seilversicherungen. Doch in einem
Einschnitt kommt man dann doch noch zu seinem Klettersteig. Eine ca. 12-15m lange Leiter
führt leicht überhängend in eine Schlucht zwischen 2 Felswänden hinab, und auf der anderen
Seite steigt der Weg sofort über mehrere Leitern wieder über seine ursprüngliche Höhe hinaus
an. Durch eine grandios ausschauende Versturzzone mit hausgroßen Bouldern führt der Weg
zum Abstieg auf den Gletscher unterhalb der Tuckett-Hütte. Hier trifft man auch nochmals auf
ein paar kurze Stücken Seilversicherungen, die jedoch unschwierig sind (jedoch komme ich
ausgerechnet in diesen einfachen Passagen dazu, unfreiwilliger Weise mein Klettersteigset zu
testen, als es mir auf einer mit Blankeis überfrorenen Platte plötzlich die Füße wegzieht). Über
den Geröllweg gelangen wir zur Tuckett-Hütte, wo wir von den anderen schon erwartet
werden, da sie den Sentiero Orsi in deutlich kürzerer Zeit absolviert haben.
Am Samstag haben wir dann nur noch die kleine Kür vor uns. In reichlich 2 Stunden gehen wir auf dem 316/331 von der Tuckett-Hütte über die Graffer-Hütte zur Mittelstation der Kabinen- Seilbahn. Von hier fahren wir hinab nach Madonna di Campiglio zu unseren Fahrzeugen. Unsere Brenta-Tour ist zu Ende. Die meisten treten die Heimfahrt an. Nur Kerstin und ich haben noch eine Woche Urlaub und wollen in den Alpen noch etwas unternehmen. Doch zunächst ziehen auch wir beide uns für 2-3 Tage an den Gardasee zum Aufwärmen zurück, nachdem es in der Brenta so eisig kalt war.
Im Fazit haben wir wiedermal eine schöne Bergtour hingekriegt. Alle sind der Meinung, daß wir - gemessen an diesem verkorksten Sommer - eine Woche mit ausgesprochen gutem Wetter erwischt haben. So haben wir den ursprünglichen Tourenplan fast ohne Abstriche umsetzen können. Lediglich das südliche Ende der Brenta (Rifugio Agostini, Rifugio XII Apostoli) haben wir nicht gesehen - aber einen Grund zum Wiederkommen sollte man sich ja auch stets aufheben.
Zur Tour gibt's außerdem noch :