Mit von der Partie waren diesmal : Thomas Frank, Kerstin Frank, Bernhard und Babett Maier, Jörg Helbig, Joachim Küttner, Lothar Scherm (alle von der DAV-Sektion Chemnitz) und Annegret Baumann (SBB Dresden).
Im Vorfeld der Tour hatte ich aus verschiedenen Quellen einen Tourenplan zusammengestellt, der an dieser Stelle ebenfalls als Dokument einzusehen ist. Leider spielte das Wetter nur zum Teil mit, so daß wir beim Begehen der Tour gegenüber dem ursprünglichen Plan gewisse Abstriche machen mußten.
Zu den Quellen für die Erarbeitung des Tourenplanes gehörten :
Herausgekommen war eine Wochentour, die sich hauptsächlich auf die südliche Hälfte der Stubaier Alpen konzentrierte (Umgebung von Wildem Freiger, Zuckerhütl). Die Tour ist zu ca. 50% eine Hüttentour und zu 50% eine Gletschertour (maximale Schwierigkeiten UIAA I). Als Ausrüstung war also die typische Gletschertourausrüstung (Halbseile, Steigeisen, Pickel, Klettergurtzeug, Eisschrauben, geringe Mengen an Karabinern) vorzusehen.
Anreise von Chemnitz. Schon kurz hinter Chemnitz beginnt es in Strömen zu regnen und es hält auch bis ins Stubaital nicht auf. Als Treff haben wir den Elferlift in Neustift vereinbart, wo wir uns auch alle so gegen 14:00 Uhr einfinden. Wegen dem Regen rücken wir erst nochmal geschlossen in eine Gaststätte ein, aber gegen 15:00 Uhr müssen wir dann doch im Regen los, da wir sonst nicht mehr im Hellen auf der Innsbrucker Hütte (2369m) ankommen würden.
Wir nehmen also zunächst den Lift, der uns bis zu dessen Bergstation auf 1794m bringt. Von dort führt ein (unter den gegebenen Verhältnissen schlammiger) Weg zur Pinnisalm (1559m). Dort angekommen sehen wir uns zum Abschluß des Tages noch mit einem markigen Aufstieg auf die Hütte von ca. 800 Höhenmetern konfrontiert. Wir erreichen die Hütte zum Abend triefnaß und einigermaßen geschafft. Auf dem Weg vom Elferlift zur Pinnisalm haben sich auch nochmal so einige Höhenmeter eingeschlichen, die aus der Karte so nicht zu sehen waren. Insgesamt ein recht mühsamer Zustieg.
Höhenmeter im Aufstieg : 1005 m
Gesamte Gehzeit : 5:30 h
Der Übergang von der Innsbrucker (2369m) zur Bremer Hütte (2413m) wird als einer der schönsten Höhenwege der Alpen beschrieben. Leider haben wir davon nur wenig gesehen. Den ganzen Tag ist das Wetter verhangen und es treibt Nebelschwaden durchs Gebirge. Von Zeit zu Zeit nieselt es und oberhalb 2600m liegt Schneematsch. Der Weg ist (von den durch die Nässe glatten Felsen mal abgesehen) aber ohne technische Schwierigkeiten - bei Sonne sicherlich ein schöner Panoramaweg. Nach einem wiederum langen Tag erreichen wir die Bremer Hütte, in deren beengtem Gastraum bei unserem Eintreffen schon ein ziemliches Gedränge herrscht.
Höhenmeter im Aufstieg : 940 m
Gesamte Gehzeit : 9:15 h
Endlich wird das Wetter besser. Wir verlassen früh die Bremer Hütte mit Ziel Nürnberger Hütte (2280m) bei strahlendem Sonnenschein, der auch den ganzen Tag anhält. Früh bewundern wir noch von der Hütte aus den Ausblick ins Gschnitztal und machen uns dann an den Aufstieg zur Nürnberger Scharte (2914m). An der Schutzhütte im Sattel machen wir Rast und sehen von hier aus das erste Mal den Normalanstieg zum Wilden Freiger (3418m), der aus dieser Perspektive gut einzusehen ist. Der Abstieg auf der Gegenseite der Scharte führt zunächst zu einem See mit Wollgras, an dem sich einige von uns das Baden nicht verkneifen können. Wir rasten ausgedehnt und nutzen die Zeit auch noch einmal zur Wiederholung des Themas Spaltenbergung und Sicherung. Dem folgt ein noch einmal weit in ein Seitental ausholender Weg zur Hütte, der zum Teil über glatte Granitplatten führt. Obwohl die Platten nicht steil sind, findet man hier und da Drahtseile, die einem bei trockenem Wetter völlig sinnlos vorkommen. In Anbetracht des Wetters der letzten 2 Tage können wir deren Installation jedoch verstehen. Die Platten sind bei Nässe bestimmt spiegelblank und sauglatt.
Höhenmeter im Aufstieg : 565 m
Gesamte Gehzeit : 7:30 h (davon 3:00h Pause mit Übungen zur Spaltenbergung)
Für heute war die Besteigung des Wilden Freigers vorgesehen, doch das Wetter läßt keinen derartigen Gedanken zu. Vom Aufstehen an regnet es wieder in Strömen, es sind 100m Sicht und es ist windig. Annegret steigt ins Tal ab, um Gepäck in den Autos umzupacken (hatten wir vergessen). Sie wird abends gegen 17:00 Uhr wieder auf der Hütte sein. Wir anderen beschließen, einen Hüttentag einzulegen und verbringen den vormittag mit Kartenspiel in der Gaststube der Hütte.
Diese Tätigkeit wird jedoch gegen 10:30 Uhr abrupt unterbrochen, als ein völlig durchnäßter und geschockt aussehender Bergwanderer in die Gaststube stürmt und nach der Bergwacht verlangt. Am "Niederl" - dem Übergang zur Sulzenau-Hütte - ist eine 60-jährige Frau ausgerutscht, fast 150m tief abgestürzt und war auf Grund ihrer Kopfverletzungen sofort tot. Die Bergwacht rückt aus und wir werden nach der Anwesenheit eines Arztes gefragt. Babett ist Ärztin und macht sich gleich mit den Männern von der Bergwacht fertig und steigt mit zum "Niederl" auf. Aber auch sie kann nur noch den Tod der Frau feststellen. Die Truppe von Bergwanderern war vom DAV Jena und durchaus nicht ungeübt. Nach mittag treffen sie alle auf der Hütte ein und sind alle miteinander recht verstört. Die Truppe steigt noch am selben Tag ins Tal ab. Auch unsere Stimmung ist getrübt. Auch das was Babett über die Ausrüstung der Bergwachtler berichtet ist nicht sehr ermutigend. Nach ihren Worten hätte man der Frau mit dem zur Verfügung stehenden Rettungs- und Notfall-Material auch nur wenig helfen können, auch wenn sie noch gelebt hätte.
Die Wetterprognose für die nächsten 2 Tage ist sehr gut und früh geht eine strahlende Sonne auf, blauer Himmel, tolles Bergwetter. Wir haben am Abend vorher schon den Wetterbericht bekommen und freuen uns, daß wir zur richtigen Zeit am richtigen Ausgangspunkt sind. 2 Tage schönes und beständiges Wetter reichen uns, um Wilden Freiger (3418m), Wilden Pfaff (3332m) und das Zuckerhütl (3505m) zu besteigen.
Bernhard geht es jedoch nicht besonders gut. Er hat sich auf den
anstrengenden Anfangsetappen eine Sehnenreizung an der Streckmuskulatur
des Unterschenkels zugezogen und traut sich den Weiterweg nicht so recht
zu. Er beginnt noch mit uns den Anstieg zum Wilden Freiger, muß aber
auf ca. 3000m die Segel streichen und kehrt mit Babett zur Nürnberger
Hütte um (schweren Herzens, er wäre bei dem schönen Wetter
gerne mit am Gipfel gewesen).
Wir sind nach 5:45h auf dem Gipfel des Wilden
Freigers. Und obwohl von Süden her noch eine dünne Bewölkung
herantreibt, haben wir eine phantastische Fernsicht (im Westen die
Ötztaler mit der Wildspitze, das ganze Stubaital, Karwendel,
Mieminger Kette, am Horizont der Dachstein, Zillertaler und später
unter der Wolkendecke im Süden auch die Dolomiten).
Den Abstieg vom Gipfel unternehmen
wir über den Signalgipfel (3392m) und auf einem Grat (I), der uns
auf der südlichen Seite des Wilden Freigers auf den Gletscher
hinabführt. Der Grat ist mit Drahtseilen versichert und eigentlich
seilfrei zu begehen. Uns begegnen einige Berführer, die in ziemlichem
Tempo am Seil ihre völlig außer Atem befindliche Klientel den
Grat "hinaufzerren". Wir folgen dem Abstieg noch bis zum Abzweig
zum Becherhaus (3190m), das oben auf seiner Felsenkanzel inmitten der
Gletscherwelt thront. Dann queren wir den völlig aufgeweichten
Gletscher (auf halbem Wege müssen wir einen Gletschersumpf umgehen)
und steuern die Müllerhütte (3141m) an, die für unsere
morgige Tour auf den Wilden Pfaff (3332m) die bessere Ausgangsposition
verspricht.
Höhenmeter im Aufstieg : 1240 m
Gesamte Gehzeit : 8:30 h
Nach der Übernachtung auf der Müllerhütte entschließen wir uns wegen der Wetterlage die Sonnklarspitze und die Siegerland-Hütte aus dem Programm zu streichen. Der Weiterweg ist damit klar definiert : Überschreitung des Wilden Pfaff (3332m) über den Ostgrat (I), Übergang und Besteigung des Zuckerhütls (3505m) und Abstieg zur Hildesheimer Hütte (2899m).
Von der Müllerhütte führt ein kurzer Abstieg auf den
Gletscher. Nach kurzem Anstieg erreicht man den Einstieg in den Ostgrat,
dessen Anfang beim Einstieg in die Felsen jedoch Raum für viele
Variationen läßt. Der Grat selbst ist ziemlich luftig und
ausgesetzt und wird nach oben zu immer steiler.
Dabei ist er aber von den
Griffen und Tritten her recht sympathisch und die Auswahl ist groß.
Über weite Strecken (bis ca. 100m unterhalb des Gipfels) machen wir
den Grat frei. Erst hier oben gehen Kerstin und ich die letzten 3
Seillängen in Seilschaft bis zum Gipfel des Wilden Pfaff.
Der Übergang von hier zum Zuckerhütl erweist sich als problemloser
Gletscherübergang. Angesichts der steilen Firnflanke des
Zuckerhütls verzichten Lothar, Joachim und Kerstin jedoch auf eine
Besteigung.
Jörg, Annegret und Thomas versuchen den Aufstieg und
meistern auch den oberen wirklich steilen Firnhang, der in einen
verschneiten und vereisten Felsblockanstieg übergeht. Mit sehr guter
Gipfelaussicht werden wir belohnt. Der Abstieg ist merkwürdiger Weise
einfacher als der Aufstieg. Über den Gletscher geht es dann
"spaltenfrei" zum Pfaffennieder (3055m) und weiter abwärts
in Richtung Hildesheimer Hütte.
Über Geröll geht�s einmal
rund um das Gletschertal. Zum krönenden Abschluß der Tour wartet
auf uns noch ein Gletscherbach mit einem 20cm hoch von Wasser
überfluteten Brett als Brücke. In dem gischtenden
Gletscherwasser kann man das Ende des Brettes nicht erkennen. Mit einem
beherzten Sprung retten sich alle an das andere Ufer. Nach einem kleinen
Klettersteig erreichen wir gegen 16:15 Uhr die Hütte,
wo wir noch eine zweite Chemnitzer DAV-Mannschaft treffen.
Höhenmeter im Aufstieg : 575 m
Gesamte Gehzeit : 8:10 h
Das kurze Zwischenhoch ist nach nur 2 Tagen in sich zusammengebrochen. Es nieselt oder schneegrieselt, die Sicht ist manchmal unter 100m und es ist kalt geworden. Unter diesen Bedingungen ist die Tour für dieses Jahr zu Ende und wir beschließen den Abstieg. In Anbetracht der Wetterlage ist es für uns noch optimal gelaufen - haben wir doch an den 3 schönen Tagen der Woche auch 3 schöne Hochtouren mit 3 bedeutenden Gipfeln machen können.
Auf dem Weg ins Tal gelangen wir von der Hildesheimer Hütte (2899m) zunächst über den Rest von Gaißkarferner und über das Eisjoch (3133m) in knapp 1,5 Stunden zum Sommerski-Gebiet des Stubaitales auf dem Schaufelferner. So ein Sommerski-Gebiet hat ohne Schnee etwas gespenstisches und pathologisches. Überall auf dem Ferner liegt Dreck, Abfall und Cola-Dosen (Red Bull !!!). Die Pisten-Raupen kratzen irgendwelchen Schnee zusammen und verfüllen damit die Spalten. Ein Bagger ist damit beschäftigt, einen Liftmast wieder neu ins Eis einzugraben und hebt dafür ein riesiges Loch mitten aus dem Gletschereis aus, während andere Liftmasten fast 1.50m über dem Ferner auf Podesten aus Eis stehen. Vielleicht waren diese Masten vor nicht allzu langer Zeit auch mal tief ins Eis eingegraben und sind nur schon wieder frei getaut ? Das Ganze bietet bei dem trüben Wetter ein Bild der Verwüstung. Den Anblick, den das Skigebiet uns bot, während wir zwischen den Liftmasten zur Bergstation Eisgrat der Seilbahn abstiegen, müßte man jedem begeisterten Gletscher-Skifahrer mal vor Augen führen...
Die Gletscherbahn bringt uns in kurzer Zeit zur Talstation und der Bus bringt uns zu unseren Autos zurück nach Neustift. Die anderen fahren heim, während Kerstin und ich noch einen Abstecher ins Ahrntal nach Sand in Taufers machen wollen. Dieser Abstecher wird wenig ergiebig, da das Wetter sich grundhaft zum Schlechten gewendet hat und die Schneegrenze in den nächsten Tagen auf 1700m sinken wird. Aber wir wollten endlich mal der Alten Chemnitzer Hütte am Nevesjoch-Stausee einen Besuch abstatten. Das soll uns zwar noch gelingen, aber wir erleben die Alte Chemnitzer Hütte mitten im Schnee - an Bergtouren (eventl. Großer Möseler, o.ä.) war für diesen Sommer nicht mehr zu denken.
Höhenmeter im Aufstieg : 60 m
Gesamte Gehzeit : 1:45 h
Für die Statistikfreaks : insgesamt wurden von uns während dieser Tour 4385 m im Aufstieg zurückgelegt. Die Angaben über Höhenmeter enthalten jeweils nur die aufwärts gestiegenen Höhenmeter (sofern nicht anders vermerkt). Die gestiegenen Höhenmeter wurden mit einer Avocet Vertech Alpin ermittelt.